Was ist ein Akteurmodell?

1. Was ist ein Akteurmodell?

Ein Akteurmodell ist das Modell eines Akteurs. Was ein Akteurmodell ist, kann man also in zwei Schritten erläutern: Zuerst geht es um die Frage, was ein Modell ist. Und dann um die Frage, was mit „Akteur“ gemeint ist.

1.1 Was ist ein Modell?

Ein Modell ist nach Stachowiak durch drei Merkmale gekennzeichnet (vgl. den Wikipedia-Artikel Modell):

1. Abbildung: Ein Modell ist Abbild eines Originals. Z. B. ist ein Globus Abbild der Weltkugel.

2. Verkürzung. Das Original wird verkürzt abgebildet. Nicht alle Eigenschaften des Originals finden sich beim Modell wieder. Z.B. ist die Erde eine Kugel mit Gebirgen und Meeren, ein Globus ist dagegen eine Kugel mit flacher Oberfläche.

3. Pragmatismus. Das Modell soll einen bestimmten Zweck erfüllen. Dieser Zweck bestimmt, welche Eigenschaften des Originals abgebildet werden und welche weggelassen oder gegebenenfalls hinzugefügt werden. Beispiel: Das Ziel soll sein, die politische Einteilung der Welt mithilfe eines Globus zu verdeutlichen. Abgebildet wird die Kugelgestalt der Erde, weggelassen werden die Gebirgeerhöhungen und Meerestiefen, hinzugefügt werden die politischen Grenzlinien und farbige Länderflächen.

Erläuterung:

Zu 1. Das Wort „Abbildung“ ist nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen. Ein Architekturmodell ist eine verkleinerte Abbildung eines Originalgebäudes. Es ist eine Miniatur. Ein Atommodell wiederum ist die vergrößerte Abbildung des Originalatoms. Neben solchen materiellen Modellen gibt es aber auch – und vor allem – immaterielle Modelle. Solche Modelle werden gedacht. Wenn sich man über solche gedachten Modelle äußern möchte, gibt man diese Äußerung durch Wort oder Schrift wieder. Ein Akteurmodell ist also keine Marionette aus Holz und Stoff, sondern ein Bündel von Aussagen darüber, wie man sich einen Akteur denkt oder vorstellt.

Zu 2. Verkürzung. Auch dieses Wort ist nicht wörtlich zu verstehen. Geeigneter ist das Wort „Abstraktion“. Das Modell ist eine Abstraktion. Das Wort „abstrahere“ bedeutet „etwas von etwas ab- oder wegziehen“. Das Modell ist keine Kopie des Originals, die diesem in möglichst allen Hinsichten gleich sein/scheinen möchte. Das Modell soll lediglich in einigen Hinsichten dem Original gleich sein. Ein materielles Architekturmodell soll zum Beispiel dem Original in den Proportionen gleich sein, nicht aber in der Größe. Ein immaterielles Modell, z. B. ein Akteurmodell, soll nicht alle Eigenschaften des Originals beschreiben, sondern lediglich dessen wichtigsten.Welche das sind, hängt vom Interesse des Forscher ab.

1.2 Was ist ein Akteur?

Das Wort „Akteur“ ist gleichbedeutend mit „Handelnder“, ersteres ist lediglich die lateinische Variante. Handeln wird in den Sozialwissenschaften von Verhalten abgegrenzt. Max Weber definiert Handeln als „menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) …, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden.“ (Soziologische Grundbegriffe, 2000, S. 19).

Max Weber 1894

Was meint Verhalten? Max Weber versteht darunter ein „äußerliches oder innerliches Tun, Unterlasse n oder Dulden“.Schlafen, die Verdauung, der Herzschlag, Reflexe, Routinetätigkeiten: all das ist Verhalten. Weil man damit keinen subjektiven Sinn verbindet. Auf die Frage „Warum (oder genauer:) wofür machst du das?“ wüsste man keine Antwort zu geben. Beim Verhalten entscheidet man sich nicht. Man entscheidet sich zwar für das Zu-Bett-Gehen, aber nicht für das Schlafen. Man entscheidet sich für ein Menü, aber nicht für die Verdauung.

Anders beim Handeln. Handeln ist ein menschliches Verhalten, „wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden.“ (S. 19). Der Handelnde kann Gründe angeben, weshalb er so und nicht anders handelt. „Warum gehst du zu Bett?“ „Weil ich müde bin.“ Oder etwas anders gefragt: „Weshalb/wofür legst du dich hin?“ „Um zu schlafen.“ Das Zu-Bett-Gehen ist Handeln. Wer handelt, hat sich entschieden. Diese Entscheidungsgründe kann er angeben. Wer angeben kann, warum er sich so und so entschieden hat, ist ein Akteur.

Das ist noch nicht alles.

Jeder von uns ist ein Akteur. Dennoch interessieren sich Sozialwissenschaftler nicht für jeden einzelnen von uns. Sie wollen nicht wissen, aus welchen Gründen sich Lieschen Müller für den Spanischkurs entscheidet und ihr Mann dagegen. Sozialwissenschaftler wollen beispielsweise wissen, warum Frauen sich eher für Sprachkurse entscheiden als Männer. Oder warum Jungwähler eher die Grünen wählen als Senioren. Nicht der einzelne, reale Akteur aus Fleisch und Blut ist das Original, von dem ein Modell gebildet werden soll. Als Original dient ein typischer Akteur: also der typische Mann, die typische Frau; der typische Jungwähler, die typischen Senioren. Diese Idealtypen existieren nur in der Vorstellung der Wissenschaftler, sie sind also bereits eine Abstraktion von den real existierenden Akteuren, z.B. von Lieschen Müller und ihrem Mann. Im Fall der üblichen Akteurmodelle ist das Original der typische Mensch.


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