Der Homo Sociologicus ist ein Akteurmodell, das in der Soziologie bzw. in den Sozialwissenschaften Verwendung findet.
Die Soziologie will die Beziehung zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft untersuchen. Die beiden Hauptfragen sind: Welchen Einfluss hat der Einzelne auf die Gesellschaft? Welchen Einfluss hat die Gesellschaft auf den Einzelnen? Um darauf eine Antwort geben zu können, muss die Soziologie von bestimmten Annahmen über den Menschen ausgehen, sie benötigt ein sogenanntes Akteurmodell. Ein solches ist der Homo Sociologicus.
Als Vater der Bezeichnung „Homo Sociologicus“ gilt der deutsche Soziologe Ralf Dahrendorf, der 1958 einem Büchlein folgenden Titel gab: „Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle“. Dahrendorf geht von einem Menschen aus, der das tut, was er tun soll. Was er tun soll, ist ihm durch soziale Rollen vorgegeben – so wie auch ein Schauspieler das tut, was die Rolle verlangt. Im Unterschied zur Theaterrolle ist es die Gesellschaft, die Regie führt: „Am Schnittpunkt des Einzelnen und der Gesellschaft steht der Homo Sociologicus, der Mensch als Träger sozial vorgeformter Rollen. Der Einzelne ist seine sozialen Rollen, aber diese sozialen Rollen sind ihrerseits die ärgerliche Tatsache der Gesellschaft.“ (S. 21)
Das Wort „Homo Sociologicus“ gibt es zwar erst seit etwa 50 Jahren. Die Theorie, die dahinter steckt, ist aber älter. Sie nennt sich „Rollentheorie“, wurde in den USA in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt und verdankt ihren Namen dem Kulturanthropologen Ralph Linton. Er schreibt:
„Den Platz, den ein Individuum zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten System einnimmt, wollen wir im Folgenden als seinen Status in diesem System bezeichnen. (…) Der zweite Terminus Rolle soll die Gesamtheit der kulturellen Muster bezeichnen, die mit einem bestimmten Status verbunden sind. So umfasst dieser Begriff die Einstellungen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen, die einem jeden Inhaber dieses Status von der Gesellschaft zugeschrieben werden.“ (1973, S. 311)“
Ein Beispiel: Wer Lehrer ist, hat einen Status inne; er hat einen Platz in der Gesellschaft. Mit diesem Status ist eine Rolle verbunden. Die Gesellschaft schreibt einem Lehrer bestimmte Einstellungen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen zu. So erwartet man von ihm eine positive Einstellung zu Schülern und zu seinem Fach, man erwartet von ihm Disziplin, Gerechtigkeit, Pünktlichkeit und ordentliche Kleidung.
Die Rolle bezeichnet die Gesamtheit dieser Erwartungen. Diese Gesamtheit kann man aufteilen in Rollensegmente. Ein Lehrer sieht sich Erwartungen von Seiten der Schüler, des Direktors, der Eltern, des Hausmeisters oder der Kollegen ausgesetzt. Die Schüler erwarten Gerechtigkeit, der Direktor Pünktlichkeit, die Eltern Disziplin.
Die Vertreter der Rollentheorie haben im Laufe der Jahre ein scholastisch anmutendes Begriffsinstrumentarium entwickelt und unterscheiden zwischen „Rollensegment“ und „Positionsegment“, zwischen „Intra-Rollenkonflikt“ und „Inter-Rollenkonflikt“.
Diese Begriffe, Differenzierungen und Beiträge waren Geburtshelfer, als Dahrendorf seinen Homo Sociologicus in die Welt setzte. Was Linton „Status“ nennt, hat bei Dahrendorf den Namen „soziale Position“. Er schreibt: „Der Terminus soziale Position bezeichnet jeden Ort in einem Feld sozialer Positionen.“ Diese Positionen „sagen uns, in welchen sozialen Bezugsfeldern (…) [jemand] steht, mit wem er in Sozialbeziehungen tritt, ohne uns etwas über die Art dieser Beziehungen zu verraten.“
Nun zum zweiten Begriff. Bei Linton ist das der Terminus Rolle und bei Dahrendorf ebenfalls. Ähnlich ist die Definition des Begriffs: „Soziale Rollen bezeichnen Ansprüche der Gesellschaft an die Träger von Positionen, die von zweierlei Art sein können: einmal Ansprüche an das Verhalten der Träger von Positionen (Rollenverhalten), zum anderen Ansprüche an sein Aussehen und seinen „Charakter“ (Rollenattribute).“ (Dahrendorf, Fettdruck nicht im Original) Bei Linton wie bei Dahrendorf sind Rollen Erwartungen der Gesellschaft an einen Position bzw. Statusträger. Linton differenziert zwischen „Einstellungen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen“, Dahrendorf hingegen zwischen Anforderungen an das Rollenverhalten bzw. an Aussehen und Charakter, aber das sind Unterschiede im Detail.
Einen echten Fortschritt stellt Dahrendorfs Unterscheidung zwischen Kann-, Soll- und Muss-Erwartungen dar. Nicht alle Erwartungen sind gleich wichtig. Je wichtiger einer Bezugsgruppe die Einhaltung der Erwartungen ist, desto härter fällt die Sanktion aus, falls die Erwartungen enttäuscht werden. Einem Mörder droht Gefängnis, einem Betrunkenen ein Strafzettel, einem Fleischesser der abfällige Blick des Vegetariers.
Im Falle der Kann-Erwartungen eröffnet sich dem Homo Sociologicus ein Handlungsspielraum. Ganz anders ist die Lage, wenn er sich zwei einander ausschließenden Muss-Normen konfrontiert sieht. Dann liegt ein Rollenkonflikt vor. Zum Beispiel muss man als Arzt einerseits pünktlich im Krankhaus erscheinen, um eine dringende Operation durchzuführen. Andererseits muss man auf dem Weg dorthin bei einem Verkehrsunfall helfen. Hilft man, stirbt vielleicht der Patient im Krankhaus. Hilft man nicht, stirbt vielleicht der Verletzte.
Ob Arzt oder Patient, ob Lehrer oder Schüler: Jeder Mensch, das ist die Hauptannahme dieses Akteurmodells, sieht sich Erwartungen ausgesetzt, denen er gerecht werden kann, soll oder muss.