Hartmut Esser ist der Überzeugung, „dass im RREEMM-Modell die wichtigsten Einzelkomponenten der biologischen und anthropologischen Grundlagen menschlicher Existenz zusammengefasst sind. Es vermeidet die Einseitigkeiten des homo sociologicus ebenso wie die des homo oeconomicus.“ (S. 238). RREEMM steht für: Ressourceful, Restricted, Evaluating, Expecting, Maximizing Man. Von diesen fünf Eigenschaften des Modells greife ich die wichtigste heraus, das ist die Maximierungsregel. Sie ist Esser zufolge “der Kern aller handlungstheoretischen Regeln” (S. 227, Kursiv im Original)
Zunächst sei kurz erläutert, (a.) was Maximizing bedeutet und (b.) welche Annahmen dem Maximizing zugrunde liegen.
a. Was bedeutet „Maximizing“? Bei der Erläuterung des Homo Oeconomicus schreibt Esser: „Für den homo oeconomicus wird …. . angenommen, dass er seinen individuellen Nutzen auf der Grundlage vollkommener Information und stabiler und geordneter Präferenzen im Rahmen gegebener Restriktionen maximiere.“ (S. 236) „Maximizing“ bedeutet also die Maximierung des individuellen Nutzens. Man wählt stets die Alternative, die den größten Nutzen bringt.
b. Wie wird die Alternative mit dem größten Nutzen ermittelt? Esser orientiert sich bei seiner Antwort an den sogenannten „Wert-Erwartungs-Theorien“. Diesen Theorien zufolge wird jeder Alternative zweierlei zugeordnet: ein Wert und eine Erwartung, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Alternative eintritt. Diese Wert-Zuordnung ist mit “Evaluating” gemeint, die Erwartungszuordnung ist mit “Expecting” gemeint.
Beispiel: Ein Akteur möchte ein Los kaufen. Mit Los A kann der Akteur 100,- € gewinnen, mit Los B nur 11,-€. Los A hat also einen Wert von 100,-€, B von 11,-€. Die Wahrscheinlichkeit, mit Los A zu gewinnen beträgt 10%, mit Los B 100%. Welche Alternative bietet den größten Nutzen? Esser Antwort: „Wenn U die Höhe der Bewertung und p die subjektive Erwartung von Konsequenzen einer Handlung sind, dann wird die Handlung aus den überhaupt wählbaren Alternativen gewählt, für die das Produkt p ∙ U im Vergleich der Alternativen maximal ist.“ (S. 226) Das bedeutet für das Beispiel:
A: 100,-€ ∙ 10% = 1000
B : 11,-€ ∙ 100% = 1100, also 100 mehr
Esser zufolge müsste sich der Akteur für Alternative B entscheiden, weil das Produkt aus (niedrigem) Wert und (sehr hoher Eintrittserwartung) höher ist als bei Alternative A. Und Esser betont: „Die Regeln der Maximierung des Produktes p ∙ U ist der Kern aller handlungstheoretischen Regeln in der Logik der Selektion (…).“ (S. 227, Kursiv im Original) Deshalb nehmen wir diese Maximierungsregel unter die Lupe.
.
Kritik an der Maximierungs-Annahme
1. Es gibt nicht nur das Maximierungs-, sondern auch das Minimierungsprinzip.
Bei der Maximierungsregel werden die Kosten konstant gedacht. Mit diesem festgelegten Kostenbudget soll ein Maximum an Nutzen erreicht werden. Die Alternative mit dem höchsten Nutzen wird gewählt.
Bei der Minimierungsregel verhält es sich umgekehrt: Die Höhe des Nutzen ist festgelegt und die Kosten variieren. Die Alternative mit den geringsten Kosten/dem geringsten Ressourcenbedarf wird gewählt. Das Minimierungsprinzip vernachlässigt Esser.
Ein Beispiel verdeutlicht den Unterschied zwischen beiden Prinzipien:
a. Maximierungsprinzip: Sie haben eine Bahncard für 100,-€ gekauft (=100,-€ Kosten). Sie versuchen, die Bahncard maximal auszunutzen, also so viel Fahrtkilometer wie möglich zu fahren (Länge der Fahrtstrecke = Nutzen).
b. Minimierungsprinzip: Sie müssen jeden Tag 50 km zur Arbeitsstätte fahren (50 km = Nutzen). Versuchen Sie, so wenig Geld wie möglich für die Fahrt auszugeben (ausgegebenes Geld = Kosten).
Während ein Bahncard-Besitzer den Nutzen dadurch maximiert, dass er auch “überflüssige” Freizeitfahrten unternimmt, wird jemand, der das Minimierungsprinzip verfolgt, auf jede vermeidbare Fahrt verzichten. Er wird beispielsweise bei Kollegen im Auto gratis mitfahren. Oder er entscheidet sich für wenige, aber lange Arbeitstage statt für viele, aber kurze Arbeitstage, um selten mit der Bahn zu fahren etc. Und erst recht wird er auf Freizeitfahrten verzichten.
Man könnte das Minimierungsprinzip vernachlässigen, wenn es zur Erklärung von Entscheidungen irrelevant wäre. Aber dem ist nicht so. Für bestimmte Entscheidungssituationen eignet sich das Maximierungsprinzip vielleicht eher, für andere aber das Minimierungsprinzip. das sind all solche Situationen, in denen der Akteur – und zwar aufgrund beschränkter Ressourcen, von denen Esser ja ausgeht! – nicht in der Lage ist, den maximalen Nutzen auszunutzen.
Beispiel: Jemand stünde vor folgender Entscheidung:
a. Eine Torte für 10,-€
b. 10 Torten für 10,-€
c. 100 Torten für 10,-€
Der Maximierungsregel zufolge würde der Akteur sich für Alternative c entscheiden, weil er für die gleichen Kosten (10,-€) den höchsten Nutzen (100 Torten > 10 Torten > 1 Torte) erzielen würde. Die Frage ist nur: Was soll ein Akteur mit 100 Torten anfangen? Ein einzelner Akteur ist nicht in der Lage 100 Torten innerhalb der Zeit, in der die Torten haltbar sind, zu konsumieren. Der Akteur kann den maximalen Nutzen nicht vollständig nutzen. (Vgl. hierzu ähnlich den Abschnitt “Kritik an der experimentellen Ökonomik” in: Norbert Rost: Der Homo Oeconomicus – Eine Fiktion der Standardökonomie, 2008, S. 53)
Neben solchen Konsumtionsbeschränkungen gibt es auch andere Beschränkungen, die statt einer Verfolgung der Maximierungsregel eine Orientierung an der Minimierungsregel nahelegen. Beschränkt sein können die Lagerungs-, die Transport-, die Herstellungs-, die Verkaufsressourcen oder die finanziellen Ressourcen, die zur Bezahlung der Kosten für die Alternative mit dem maximalen Nutzen erforderlich sind.
Schließlich verhindern neben den beschränkten Ressourcen oft auch Muss-, Soll- oder Kann-Erwartungen die Verfolgung des Maximierungsprinzips (Das würde Esser allerdings auch nicht bestreiten). Wer am Buffet glaubt, das meiste rausholen zu können, stößt neben den Konsumtionsgrenzen (Der Gast hat den Bauch voll.) auch an Höflichkeitsgrenzen (Der Gastgeber hat die Nase voll.).
.
2. Es gibt nicht nur das Maximierungs-, sonder auch das Satisficing-Prinzip
Ein drittes Prinzip ist das Satisficing-Prinzip (satisfy = befriedigen; suffice = genügen, ausreichen). Man wählt die erstbeste Alternative, die ausreicht, um ein bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen. Formuliert hat dieses Prinzip Herbert Simon, ein Vertreter des Bounded-Rationality-Ansatzes, das ist die Gegenposition zum Rational-Choice-Ansatz.
Beispiel: Jemand hat Hunger auf Fruchttorte und steht vor einer riesigen Kuchen- und Tortenauswahl. Statt alle Kuchen und Torten zu bewerten und danach die beste auszuwählen , bricht die Person die Suche ab, sobald sie eine Torte gefunden hat, die Früchte enthält und die somit geeignet ist, das Bedürfnis der Person nach einer Fruchttorte zu befriedigen. Diese muss keinesfalls die optimale Alternative sein, es mag Fruchttorten geben, die günstiger sind, besser schmecken etc.
Fazit
Essers eigenen Worten zufolge sind „[d]ie Regeln der Maximierung des Produktes p ∙ U … der Kern aller handlungstheoretischen Regeln in der Logik der Selektion (…).“ (S. 227) . Gegen diese Maximierungsregel kann man aber ins Felde führen, dass die Annahme der Nutzen-Maximierung einseitig ist. Es gibt neben dem Maximierungsprinzip auch das Minimierungsprinzip und das Satisficing-Prinzip. Diese Einseitigkeit ist die Hauptkritik von Seiten des Bounded-Rationality-Ansatzes.
Wenn man Nutzen als Netto-Gewinn (Bruttogewinn minus Kosten) definiert und anwendet, dürfte das Maximierungsverhältnis wieder passen. Und damit kann die Theorie theoretisch auch wieder logisch sein.
danke für deinen kommentar! G. C. Homans, einer der Hauptvertreter des Rational-Choice-Ansatzes, schreibt ähnlich wie du: “Wir definieren psychischen Gewinn als Belohnung minus Kosten und behaupten, dass kein Austausch Bestand hat, aus welchem nicht beide Parteien Gewinn ziehen können.” (1972, S.52, Kursiv im Original)
Aber da besteht ein Unterschied:
Nutzen = Bruttogewinn MINUS Kosten
Nutzen = Nettogewinn = Bruttogewinn – Kosten setzt voraus, dass Nutzen, Bruttogewinn und Kosten die gleiche Einheit aufweisen, sei sie materiell (€) oder immateriell (“psychischer Gewinn”).
- In vielen Fällen ist das möglich, z.B. 50,-€ Lottogewinn und 5,-€ Kosten für das Los.
- In anderen Fällen ist das nicht möglich oder schwierig, z.B. Lohn (= Nutzen) – Lebenszeit (= Kosten) = ???.
Nutzen PRO Kosten
Nutzen/Kosten setzt die gleiche Einheit nicht voraus. Man kann also das N/K-Verhältnis in beiden Fällen verwenden:
- sowohl in den Fällen, in denen Nutzen und Kosten die gleiche Einheit aufweisen,
- als auch in denen, in denen das nicht der Fall ist. Beispiel: man rechnet Lohn/Lebenszeit und erhält so den Stunden- Monats-, Jahreslohn.
Hallo, auf welches Buch Essers nehmt ihr Bezug?
Hallo,
es handelt sich um Hartmut Essers “Soziologie. Allgemeine Grundlagen”, 1999.
http://books.google.de/books?id=mYeTIExSl4MC&pg=PA238&lpg=PA238&dq=dass+im+RREEMM-Modell+die+wichtigsten+Einzelkomponenten+der+biologischen+und+anthropologischen+Grundlagen+menschlicher+Existenz+zusammengefasst+sind.+Es+vermeidet+die+Einseitigkeiten+des+homo+sociologicus+ebenso+wie+die+des+homo+oeconomicus&source=bl&ots=C9bQeJo5sg&sig=FvrG5UT4rlP6k_IP8VnviMzy4hk&hl=de&ei=j998TYHiFJChOsbH-PIG&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1&ved=0CBkQ6AEwAA#v=onepage&q&f=false