Identitätsbehaupter à la Tajfel. Die Theorie sozialer Identität (SIT)

Identitätsbehaupter und Komplettierungsbehaupter

Mit dem Identitätsbehaupter – und dem Emotional Man – versucht der Soziologe Schimank zwei Akteurmodelle in einen Diskurs einzuführen, der bislang dominiert wurde vom Homo Sociologicus und Homo Oeconomicus. Das damit verfolgte Ziel ist begrüßenswert: Die Palette der Akteurmodelle soll erweitert werden. Nicht jede Handlungswahl lässt sich mit dem Homo Sociologicus und Homo Oeconomicus erklären.

Dass es sich mit dem Vorstellen der zwei zusätzlichen Modellen bereits „um eine Komplettierung des soziologischen Werkzeugkastens zur Erklärung von Handlungswahlen“ (1998, S. 94), Kursiv nicht im Original) handelt, ist allerdings eine verblüffende Behauptung Schimanks.

Mit dem Identitätsbehaupter, wie er bislang konzipiert ist, lässt sich das Ziel nur schwerlich erreichen: Schimank bezeichnet den Identitätsbehaupter selbst als ein „noch weniger auf den Begriff gebrachtes Akteurmodell“ (S. 14). Ein Akteurmodell ist aber dann erst nützlich, wenn es die Planungsphase hinter sich gelassen hat. Das kann noch dauern, denn der Konzeption fehlt es an Klarheit.

Was tun? Eine Möglichkeit wäre, die Konzeption zu überdenken. Die Frage ist, ob sich die Mühe lohnt, denn diese Strategie würde wohl auf eine Neuformulierung hinauslaufen. Wenn ich recht sehe, hat nicht einmal Schimank selbst diese Mühe auf sich genommen.

Eine andere Strategie besteht darin, nach alternativen Identitätsbehaupter-Konzeptionen Ausschau zu halten. Schließlich muss man nicht nur das Rad, sondern auch Akteurmodelle nicht neu erfinden. Gibt es solche Alternativen? Welche Theorie wäre geeignet, die Entwicklung des Identitätsbehaupters als Akteurmodell fortzuführen?

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Henry Tajfels Theorie der sozialen Identität

Eine Theorie, die sich anbietet, ist Henry Tajfels Theorie der soziale Identität (SIT), die er in dem Buch präsentiert: „Human Groups and social categories“ (1981; dt. “Gruppenkonflikt und Vorurteil“, 1982). Tajfels Theorie bietet sich an, weil sie Anknüpfungspunkte in zweierlei Richtung aufweist: Einerseits gibt es Überschneidungen mit Schimanks Konzeption, sie eignet sich also zu dessen Fortführung. Andererseits geht sie über dessen Konzeption hinaus. Die SIT besteht aus vier Theorieteilen, und zwar aus:

  1. anthropologischen Annahmen, z.B. das Streben nach positivem Selbstwert, das Bedürfnis nach einem Platz im sozialen System, nach Prüfung der eigenen Meinungen und Fähigkeiten sowie zur Wahrnehmungsökonomie,
  2. einem Theoriekern, den vier „wohlerprobte[] Elemente sozialpsychologischer Theorien (Sozialer Vergleich, Kategorisierung der Wahrnehmung, Dissonanztheorie, Selbstkonzepttheorie)“ bilden,
  3. den Randbedingungen der Elemente der SIT und
  4. Aussagen zu Strategien der Identitätsbehauptung. Hierzu zählen beispielsweise soziale Mobilität und Assimilation, räumliche Segregation (Ghettobildung), kulturelle Segregation (Subkulturbildung), sozialer Wettbewerb oder soziale Kreativität.

Tajfels Ansatz ist keineswegs perfekt und kann mit Sicherheit – wie jede andere Theorie – um weitere Ausführungen ergänzt werden. Entscheidend ist, dass man mit dieser Theorie im Rücken den Identitätsbehaupter guten Gewissens als echte Alternative und als sinnvolle Ergänzung zu Homo Sociologicus und Homo Oeconomicus vorzeigen kann.

Es gibt noch einen anderen Vorteil der SIT. Tajfel nennt in „Kapitel 5. Soziale Kategorisierung, soziale Identität und sozialer Vergleich“ ausdrücklich den Hauptprozess, durch den Identität überhaupt erst „erschaffen“ wird: Nur durch Vergleichen erkenne ich meine Identität. Durch Vergleichen erkennen ich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen mir und Anderen. Und durch Vergleichen erkennen ich, dass und in welcher Hinsicht ich einzigartig bin. Soziale Vergleichsprozesse haben, so Tajfel, „einen grundlegenden und sehr weiten Anwendungsbereich.“ (S. 105)

Diese Verbindung zu den Theorien sozialer Vergleichsprozesse ist die Nabelschnur für jede Theorie der Identitätsbehauptung. Wer über Identitätsbehauptung schreiben möchte und glaubt, ohne Erkenntnisse über Vergleichsprozesse auszukommen, bringt eine theoretische Totgeburt zur Welt.

Literatur:

Tajfel, Henry: Human groups and social categories, 1981 (deutsche Ausgabe: Gruppenkonflikt und Vorurteil, 1982 (ISBN 3-456-81219-1)

Fischer, Lorenz; Wisweder, Günter: Grundlagen der Sozialpsychologie, Oldenbourg, 2002. Vgl. Kapitel “7. Soziale Vergleichsprozesse”. Inhaltsverzeichnis

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