Kritik am RREEMM-Modell (Hartmut Esser, Siegfried Lindenberg, William Meckling)

Ist das RREEMM-Modell für soziologische Erklärungen geeignet?

Bekannt wurde das von Meckling skizzierte und von Lindenberg formulierte RREEMM-Modell durch Hartmut Esser, das er in seinem Buch „Soziologie. Allgemeine Grundlagen“ (1999, EA: 1993) gegen den Homo sociologicus und den Homo oeconomicus in Stellung bringt. Im ersten Satz des Abschnittes „Das RREEMM-Modell“ nennt Esser den Haupteinwand gegen die beiden Modelle: „Für soziologische Erklärungen sind sie beide ungeeignet.“ (S. 237) Deshalb bedürfe es eines angemesseneren Modells – und das sei das RREEMM-Modell. Es stellt sich also die Frage:

Ist das RREEMM-Modell für soziologische Erklärungen geeignet?

Essers Antwort auf diese Frage wäre vermutlich ein klares „Ja!“. „Das RREEMM-Modell entspricht …. in besonderer Weise den (in Kapitel 7 formulierten) Kriterien der erklärenden Modellierung sozialer Prozesse und den wichtigsten Aussagen der Anthropologie zur conditio humana.“ (S. 239)

Blättert man zu Kapitel 7, so stößt man auf Seite 138 auf einen Kriterienkatalog mit fünf Punkten (Einen sechsten fügt Esser hinzu.). Die Kriterien, mit denen das Lindenberg´sche RREEMM-Modell begutachtet werden soll, stammen übrigens von – Lindenberg selbst.

Essers Aussage, „das RREEMM-Modell entspricht … in besonderer Weise den Kriterien der erklärenden Modellierung sozialer Prozesse“ (S. 239), kann also nicht wirklich überraschen. Aber vielleicht sind diese Kriterien  streng, präzise und wohlüberlegt. Darauf kommt es an. Die Übereinstimmung des Modells mit diesen Kriterien könnte dann durchaus für das RREEMM-Modell sprechen. Bei Esser lauten diese Kriterien folgendermaßen (Kursiv im Original):

  1. Es sollte für die Formulierung der Brückenhypothesen, der Handlungsgesetze und der Aggregationsregeln nicht allzu viel an Informationen über „einzelne“ Individuen erforderlich sein, um bestimmte strukturelle Vorgänge zu erklären. Also: Es muß – zunächst – ausreichen, Modelle von typischen Situationen für typische Erwartungen und Motivationen und für typische Muster von Handlungsalternativen zu erstellen. Eine Modellierung die weniger Parameter erfordert, ist daher einer – ansonsten etwa gleich erklärungskräftigen – komplexeren im Prinzip vorzuziehen.

Nicht-aktuell und fraglich. Das erste Prinzip ist nichts Anderes als eine Reformulierung von „Ockhams Rasiermessers“. Der britische Philosoph Wilhelm von Ockham (1285-1347) – und vor ihm bereits Aristoteles – „benutzt Sparsamkeit als ein Kriterium der Theorienkonstruktion, wo überflüssige Elemente eliminiert werden sollten und die einfachere von zwei Theorien, welche beide dasselbe Phänomen erklären können, gewählt werden soll.“ (Quelle:http://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser) Die Diskussion um dieses Prinzip ist über die Jahrhunderte fort- und scheinbar an Esser und Lindenberg vorbeigeschritten. Mängel, auf die seit langem hingewiesen wird, z. B. das Fehlen einer präzisen Definition von „Einfachheit“, finden sich auch bei Esser wieder: „Es sollte nicht allzu viel an Informationen nötig sein“. Was genau ist „nicht allzu viel“? Im Übrigen gibt es auch Gegenpositionen zu diesem Sparsamkeitsprinzip. Bereits ein Zeitgenosse Ockhams formulierte ein „anti-razor“: „Wenn drei Dinge nicht genug sind, um eine klare Aussage über etwas zu treffen, muss ein viertes hinzugefügt werden, und so weiter.“ ( Walter Chatton, Lectura I d. 3, q. 1, a. 1)

2. Die Formulierung von Brückenhypothesen (…) muß auf eine möglichst unkomplizierte Weise möglich sein.

Größtmögliche Beliebigkeit. Das zweite Kriterium ist sehr unpräzise formuliert. Gehen wir Schritt für Schritt vor. Erstens ist nicht klar definiert, was mit „unkompliziert“ gemeint ist. Präziser wäre beispielsweise: „Die Formulierung sollte nicht mehr als zwei Relativsätze enthalten.“ Mit seiner Forderung, eine Formulierung solle “möglichst unkompliziert“ sein, betritt Esser das Reich des Möglichen, die Heimat der Beliebigkeit. Als sei einmal „möglich“ nicht schon unpräzise genug,  fordert Esser: „Die Formulierung … sollte auf möglichst unkomplizierte Weise möglich sein.“ Man muss sich fragen: Unter welchen Bedingungen ist eine solche Formulierung nicht möglich? Eigentlich unter Bedingungen, unter denen sich solche Empfehlungen erübrigen, z. B. wenn man nicht mehr lebt. In allen anderen Fällen ist eine Formulierung von Brückenhypothesen auf die genannte – „möglichst unkomplizierte“ – Weise möglich.

3. Erkenntnisgewinne in den Theorien des Handelns und des Verhaltens (…) müssen (im Prinzip) Eingang in die verwendeten Theorien zur Logik der Selektion finden können.

4. Es muß (im Prinzip) möglich sein, den Grad der Vereinfachung in der Handlungstheorie nach Bedarf zu verringern und stärker realistische Annahmen in die Modellierung aufzunehmen.

Beliebigkeit II. Den wenig präzise verwendeten Ausdrücken „möglich“, „können“, etc. begegnen wir auch in den Kriterien 3. und 4.

5. Die verwendete Handlungs-Theorie selbst soll – …- gut bestätigt sein und systematisch berücksichtigen, dass Menschen findig, kreativ und initiativ sind. (S. 138)

Tendenziös: Knock-out-Kriterium für Homo Sociologicus. Ist gut bestätigt, dass Menschen findig, kreativ und initiativ sind? Zwar gibt es solche Menschen. Es gibt aber auch einfallslose, unkreative und nicht-initiative Menschen. Dann aber ist die Aussage, „dass Menschen findig, kreativ und initiativ sind.“, falsch. Warum sollte man eine falsche Aussage systematisch berücksichtigen? Und selbst wenn man die Aussage korrigiert, z.B. zu „50% der Menschen sind findig, kreativ und initiativ.“: Warum sollte man in der Theorie die weniger findigen und weniger kreativen Menschen nicht auch systematisch berücksichtigen? Also die Menschen, die sich ihren Rollen(erwartungen) fügen, die das machen, was sie machen sollen, die Couch-potatoes, Mitläufer und Mainstream-Menschen? Vielleicht, weil man deren Verhalten sehr gut durch ein Alternativmodell, nämlich den Homo Sociologicus, erklären kann … ?

6. Die Parameter der Handlungstheorie sollen möglichst präzise benannt sein, und es muß eine explizite funktionale Beziehung zwischen den Parametern und der abhängigen Variablen – der zu erklärenden Handlung –angegeben werden. Ansonsten lassen sich weder präzise und einfache Brückenhypothesen formulieren, noch eine„Logik“ der Selektion von Handlungen angeben.“ (S. 138)

Versteht sich von selbst. Dieses sechste Kriterium hat Esser hinzugefügt, „das sich eigentlich von selbst versteht“ (S. 138) Angesichts der Gummi-Kriterien eine kecke Behauptung.

Ein starkes Modell wird strengen Anforderungen gerecht, ein schwaches nur schwachen. Esser muss sich die Frage gefallen lassen, warum er diesen Kriterien-Katalog für das RREEMM-Modell ausgewählt hat. Die bloße Übereinstimmung eines Modells mit diesem Katalog besagt gar nichts über die Qualität des Modells. Die Kriterien, die Esser präsentiert, sind fraglich, unpräzise und tendenziös formuliert. Essers Kriterienkatalog ist Augenwischerei.

Teil 2. Kritik an der Maximierungsregel des RREEMM-Modells

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